13.05.2026
Am 21. März 2026 ist unser Kollege und Freund Alexander Frötscher völlig unerwartet und viel zu früh von uns gegangen. Er war in seinen geliebten Bergen nahe seinem Geburtsort in Südtirol bei einer Skitour unterwegs, als eine Lawine die gesamte Skitour-Gruppe erfasste und Alexander leider nur noch tot geborgen werden konnte. Mit dem Tod von Alexander verliert die ITS-Community eine zentrale Persönlichkeit, die es schaffte, mit strategischem Verständnis und einer ausgeprägten technischen Expertise die europäische digitale Mobilitätsinfrastruktur der Zukunft mitzugestalten und in einigen Bereichen auch zu prägen.

Ich lernte Alexander 2006 kennen. Die AustriaTech hat gerade ein Integriertes Forschungsprojekt zum Thema kooperative Systeme (heute C-ITS) unter der Koordination von Alexander gestartet, an dem auch ich mitarbeiten durfte. In diesem Projekt - COOPERS (co-operative systems for intelligent road safety) – haben erstmals Straßenbetreiber zusammengearbeitet, um ihren Beitrag zu C-ITS Systemen zu definieren, die technischen Elemente zu entwickeln und das Zusammenspiel aller C-ITS Komponenten (infrastruktur- als auch fahrzeugseitig) zu demonstrieren. Erstmals wurde die bidirektionale Infrastruktur-Fahrzeug Kommunikation technisch umgesetzt und der Nutzen für das Mobilitätssystem, die Erhöhung der Sicherheit auf Europas Straßen, dargestellt. Dieses Thema der kooperativen Systeme (C-ITS) hat Alexander bis zuletzt als zentrales Thema behandelt und mitgestaltet.
So hat er nach COOPERS aktiv an nationalen C-ITS Projekten (Testfeld Telematik und ECo-AT) mitgearbeitet und seine Expertise in den europäischen Gremien (europäische C-ITS Expert Group) eingebracht. All diese Aktivitäten mündeten in den Start der europäischen C-Roads Initiative, in der Alexander aus der technischen Koordination über verschiedenste Arbeitsbereiche hinweg nicht wegzudenken war. Ob es um die technische Harmonisierung bis zu technischen Spezifikationen, sichere Übermittlung von Datensätzen oder um die Gestaltung einer Digitalen Verkehrsinfrastruktur (DTI) ging, Alexanders Know-How war überall gefragt und so leitete der auch den Austausch zwischen den unterschiedlichen technischen Teams der C-Roads Plattform. Auch in der Diskussion mit der Fahrzeugindustrie, im Car-2-Car Communication Consortium vereint, war er ein fixer Bestandteil, der Zusammenhänge rasch erkannte und Lösungsvorschläge für die verschiedensten Problemlagen einbrachte.
Bekannterweise war und ist das Thema C-ITS nicht ganz friktionsfrei. Auch wenn der Nutzen von C-ITS stets außer Frage gestanden ist, so war die technische Umsetzung (das wie) immer von vielfältigen Diskussionen, nicht nur bezüglich der zu verwendenden Kommunikationstechnologien, begleitet. Hier hat uns Alexander durch seine technisch-strategische Sichtweise in allen Diskussionen – sei es mit nationalen oder städtischen Behörden, Straßenbetreibern, Fahrzeugherstellern, Flottenbetreibern, Kommunikationsnetzbetreibern, Serviceanbietern und anderen – richtungsgebend begleitet beziehungsweise viele dieser Diskussionen im Interesse der Allgemeinheit geleitet. Und seine Diskussionskultur war einzigartig. Seine Diskussionen waren von sachlichem Know-How und strategischer Richtungsgebung geprägt, und er war stets – auch bei konträren Auffassungen – konsensfähig und wertschätzend.
Neben seinen Aktivitäten in den Bereichen C-ITS und DTI sind vor allem auch seine Verdienste rund um die europäische ITS-Rahmenarchitektur (FRAME) hervorzuheben. Die Überarbeitung von FRAME baute sehr stark auf den Stakeholder-Erwartungen sowie der zu erwartenden Funktionen eines funktionierenden technischen Mobilitätssystems auf. Dadurch ist es der ITS-Community möglich, den Funktionsumfang und die Verantwortlichkeiten der unterschiedlichen ITS-Elemente zu definieren. Das „Wer hat was wo zu tun“ ist in FRAME abgebildet und wird uns auch in Zukunft helfen, zielgerichtet mit Stakeholdern zu diskutieren.
Sein breites technisches Verständnis brachte er auch in die europäischen und nationalen Standardisierungsgremien ein. So wurde Alexander erstmalig im September 2019 einstimmig zum Vorsitzenden des Komitees 220 (Intelligente Verkehrssysteme) der österreichischen Organisation für Standardisierung und Innovation gewählt. Diesen Vorsitz hatte er bis zuletzt inne und unterstreicht auch seine stetige Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Seine Innovationskraft sowie seinen Umsetzungswillen werden auch durch seine Tätigkeiten im Rahmen des in Wien 2012 veranstalteten ITS Weltkongresses unterstrichen. Erstmalig gab es ein groß angelegtes Demonstrationsprogramm. Hier konnte die Fachwelt die neuesten Entwicklungen im ITS-Bereich erfahren. Groß angelegte C-ITS Demonstrationen (fest installierte C-ITS Stationen, die teilweise bis heute aktiv sind, konnten infrastrukturelle Daten in Fahrzeuge unterschiedlichster Hersteller übermitteln) oder erste automatisierte Dienste (z.B. automated valet parking) wurden von Alexander konzipiert, entsprechende Stakeholder eingeladen und deren Demonstrationen koordiniert. Die Erstellung des beim ITS-Weltkongress 2012 erstmals verwendeten digitalen Kongress-Planers (mit allen Ausstellern und Sessions in einer App) wurde von Alexander in Zusammenarbeit mit den Entwicklern konzipiert und umgesetzt. Sowohl hinsichtlich der Demonstrationen als auch hinsichtlich des Kongress-Guides hat hier Alexander eine bis heute sichtbare Benchmark gesetzt.
Alexander war in der Zusammenarbeit immer sehr direkt und immer diskussionsfreudig. Nie werde ich vergessen, als ich mit Alexander in unseren gemeinsamen Anfangsmonaten mehrere lautstarke Diskussionen geführt habe. Unser damaliger Chef Reinhard Pfliegl ist eines Tages ob der lautstarken Diskussion zu uns ins Zimmer gekommen und hat gefragt, ob wir ein Problem miteinander haben oder ob die Zusammenarbeit zwischen uns eh passt. Ja, wir hatten laut diskutiert, haben uns nachher gemeinsam auf ein Bier zusammengesetzt und darauf angestoßen, dass wir eine gemeinsame Sichtweise auf die nächsten Schritte haben, welche wir dann auch gemeinsam gegenüber den Projektpartnern vertreten haben. Und dieses Ausdiskutieren und Abgleichen von Sichtweisen ist uns bis zum Ende geblieben.
Trotz seiner manchmal etwas ruppigen Art war er im Unternehmen als einfühlsamer und immer hilfsbereiter Kollege bekannt. Alexander hat sein breites fachliches Wissen immer gerne in seinem Umfeld geteilt. Er war bei Newbies in der Welt von ITS sehr beliebt, da er es verstand, auch komplexeste technische Zusammenhänge mit einfachen Worten zu erklären, ganz nach seinem Motto „es ist keine Raketenwissenschaft“. Dieses Wissen teilte er im Arbeitsalltag sowohl in der AustriaTech als auch bereitwillig mit Partnern. In diesem Zusammenhang ist auch klar, dass er als Lektor an diversen Fachhochschulen und Universitäten gefragt war.
Alexander, Du wirst uns fehlen!
von Martin Böhm