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Automatisierte Mobilität im Testfeld “Stadt”

14.06.2021

Automatisierte Mobilitätslösungen werden zunehmend in städtischen Gebieten getestet. Wir sprachen mit Peter Stealens, Senior Project Coordinator bei Eurocities, über das Potenzial dieser Lösungen und welche Schritte notwendig sind,um sie in unser Mobilitätssystem zu integrieren.

Wo liegt das Potenzial von automatisierten Mobilitätslösungen?
In erster Linie sehen wir ein Potenzial für gemeinsam genutzte On-Demand-Dienste, die den bestehenden öffentlichen Verkehr ergänzen – vor allem in Gebieten, die keinen Zugang zu hochfrequentem öffentlichen Verkehr haben, oder zu Zeitpunkten, in denen die Nachfrage gering ist. Dies würde auch bestimmten Zielgruppen, wie Menschen mit Behinderungen oder Menschen, die (noch) keinen Führerschein haben, eine unabhängigere Mobilität ermöglichen. Städtische Verkehrssysteme müssen zunehmend auf technische Innovationen, digitale Plattformen und App-basierte Dienste reagieren. Gleichzeitig müssen die negativen Auswirkungen des motorisierten Verkehrs deutlich reduziert werden. Da wir Städte "Orchestratoren" des städtischen Verkehrs sind, ist es wichtig, zukünftige Trends im Auge zu behalten und bewusste Entscheidungen zu treffen, wie wir uns auf diese Veränderungen vorbereiten können. Vor allem müssen wir vermeiden, den gleichen Fehler wie im vorigen Jahrhundert zu begehen, als die Städte den Autoverkehr zu eifrig annahmen, ohne an langfristigen Folgen zu denken. Dies ist einer der Gründe, warum wir das Konzept der nachhaltigen städtischen Mobilitätspläne (Sustainable Urban Mobility Plans – SUMP) aktiv fördern, da es auch die umfassenderen ökologischen und gesellschaftlichen Standards setzt, an denen jede neue Verkehrsinnovation gemessen werden sollte.

Wie können automatisierte Mobilitätslösungen gut in urbane Gebiete integriert werden?
Die größte Herausforderung für den Betrieb von automatisiertem Verkehr in städtischen Gebieten ist, die technischen Fähigkeit der Fahrzeuge, auf komplexer Straßeninfrastruktur unter verschiedenen Wetterbedingungen reibungslos funktionieren und mit verschiedenen Arten von NutzerInnen interagieren – einschließlich nicht automatisierter Fahrzeuge, aber beispielsweise auch mit Radfahrenden, FußgängerInnenn und Personen, die E-Scooter benutzen. Viele Städte sehen auch ein potenzielles Risiko, dass automatisierte Fahrzeuge, wenn sie als On-Demand-Service zu einer bequemen und erschwinglichen Alternative werden, Fahrten ersetzen könnten, die sonst mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurückgelegt warden. Das könnte zu einer Zunahme des motorisierten Verkehrs führen, was durch eine Studie der Boston Consulting Group für die Stadt Amsterdam nachgewiesen wurde.
Wenn sich gemeinsam genutzte – und elektrifizierte – automatisierte Fahrzeuge stärker durchsetzen, ist mit einem deutlichen Rückgang der individuellen Autonutzung zu rechnen, was sich positiv auf die Umwelt auswirken wird, u. a. durch bessere Luftqualität, weniger Lärm, Staus und mehr Platz für Menschen. Dies wird die Städte auch für Unternehmen attraktiver machen. Der automatisierte Verkehr könnte auch dazu beitragen, Gewerbegebiete in Randgebieten besser anbinden, die heute oft nicht ausreichend von öffentlichen Verkehrsmitteln bedient werden.

Welche Rolle können Städte spielen?
Viele Städte in ganz Europa warden zur Testumgebung für automatisierte Mobilität und ermöglichen das Experimentieren mit verschiedenen automatisierten Mobilitätsservices, oft in enger Zusammenarbeit mit lokalen ÖPNV-Betreibern, Start-ups, KMUs, Universitäten, Forschungsinstituten und NutzerInnengruppen. Bislang wurden diese Experimente hauptsächlich mit einer begrenzten Anzahl von Fahrzeugen in kontrollierten Umgebungen wie abgetrennten ÖPNV-Spuren, Universitätsgeländen oder Krankenhausstandorten durchgeführt. Ein wichtiger nächster Schritt ist der Einsatz größerer Flotten automatisierter Fahrzeuge im gemischten Verkehr, die in das Verkehrssystem integriert sind. Genau das ist das Ziel des von der EU geförderten SHOW-Projekts - in dem sowohl EUROCITIES als auch AustriaTech vertreten sind. Zukünfitg ist es für die lokalen Verkehrsbehörden essenziell, einen ordnungspolitischen Rahmen festzulegen, der gleiche Wettbewerbsbedingungen für die verschiedenen Flottenbetreiber gewährleistet und sie dazu verpflichtet, ihre Dienste auf sichere, nachhaltige und integrative Weise einzusetzen. Es ist daher wichtig, dass Städte bereits jetzt darüber nachdenken, wie sie sich auf automatisierte Fahrzeuge vorbereiten und wie sich dies nicht nur auf ihre Strategien zur nachhaltigen Verkehrsplanung (SUMPs), sondern auch auf ihre Straßeninfrastruktur und Verkehrsmanagementdienste auswirken wird.


Bisher haben wir einen sehr fragmentierten Ansatz in ganz Europa gesehen. Das liegt auch daran, dass es verschiedene nationale rechtliche Rahmenbedingungen für die Erprobung und den Einsatz von automatisierten Fahrzeugen gibt. Um die Kräfte zu bündeln und eine stärkere Harmonisierung zu erreichen, ist mehr Austausch zwischen den nationalen Behörden erforderlich. Europäische Initiativen wie die CCAM-Plattform und -Partnerschaft sowie große Demonstrationsprojekte wie SHOW sind hilfreich, um ein besseres Verständnis zwischen verschiedenen Interessengruppen wie OEMs, Telekommunikation, Verkehrsmanagern, Stadtplanern, öffentlichen Verkehrsbetrieben oder Start-ups zu schaffen. Um das Rad nicht neu erfinden zu müssen. Unterstützten wir als Städtenetzwerk den Austausch von Best Practice Beispielen und Know-how zwischen unseren Mitgliedern.

Welchen Zugang haben Sie zu automatisierten Mobilitätslösungen im urbanen Raum?
Seit 2008 war EUROCITIES an EU-geförderten Projekten beteiligt, die sich mit Personenverkehr befassten. Wir waren auch in der ITS- und C-ITS-Plattform der Europäischen Kommission vertreten. Als 2017 die öffentliche und politische Debatte um automatisierte Mobilität an Bedeutung gewann, begannen wir mit den Mitgliedsstädten unseres Netzwerks interne Diskussionen, um gemeinsame Herausforderungen, Interessen und mögliche Maßnahmen zu identifizieren. Auch die Stadt Wien spielte eine sehr aktive Rolle in dieser Diskussion. Das Ergebnis war die Veröffentlichung eines Positionspapiers zum Thema "Integration der Verkehrsautomatisierung in das urbane System" im Vorlauf zu den Legislativpaketen der Europäischen Kommission "Europe on the Move", in denen die Automatisierung eine wichtige Rolle spielte. Um sicherzustellen, dass die Interessen der Städte angemessen berücksichtigt werden, sind wir inzwischen auch der EU CCAM-Plattform beigetreten, die wichtige Stakeholder auf europäischer Ebene versammelt, um Forschungsprioritäten zu diskutieren und Inputs für zukünftige F&I-Aufrufe zu vernetzter, kooperativer und automatisierter Mobilität zu liefern. Automatisierung ist auch ein ständiges Thema für unsere eigene EUROCITIES-Arbeitsgruppe "Smart and Connected Mobility" geworden. In den nächsten vier Jahren werden wir den Austausch zwischen den 17 SHOW-Demostandorten aktiv unterstützen, was uns ein tieferes Verständnis der Verkehrsautomatisierung ermöglichen wird. So kann ein gemeinsames Bewusstsein unter den 65 Partnern geschaffen werden, warum es notwendig ist die Automatisierung in das gesamte Verkehrssystem zu integrieren.

Städte verstehen Automatisierung heute oftmals nicht als eigenes Ziel an sich, sondern sehen das Potenzial, um die Verlagerung von der individuellen Autonutzung hin zu gemeinsam genutzten, elektrifizierten multimodalen Transportdiensten zu unterstützen. Sie schauen mit Interesse auf das, was in diesem Bereich passiert, aber sehen sie es noch nicht als Priorität an - wie auch bei der städtischen Luftmobilität. - Abgesehen vom Testen und Pilotieren oder der Untersuchung möglicher Auswirkungen, bereiten sie sich noch nicht auf einen größeren Einsatz vor. Bei EUROCITIES sehen wir das Potenzial vor allem in solchen Anwendungsfällen, die die bestehenden öffentlichen Verkehrsdienste verstärken und ein höheres Serviceniveau für Stadtgebiete bieten, die derzeit weniger gut angebunden sind. In drei bis fünf Jahren können wir wahrscheinlich erwarten, dass sich automatisierte Fahrzeuge allmählich von separater Infrastruktur und speziellen Standorten zu gemischten Verkehrsumgebungen bewegen und mit höheren Geschwindigkeiten fahren. Eine der wichtigsten offenen Fragen ist, wie die Einführung von 5G die Automatisierung des städtischen Verkehrs beschleunigen wird und ob – bzw. inwieweit - städtische Straßen und Verkehrsmanagementzentren angepasst werden müssen, um den Betrieb von automatisierten Fahrzeugen im großen Stil zu ermöglichen.

Wir danken Ihnen für das Gespräch.

 

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